Plastik im Meer: Die Folgen und was wir dagegen tun können.

Traurig, aber wahr: Es treiben riesige Mengen Plastik im Meer. Tüten, Verpackungen und feinste Teilchen, die mit bloßem Auge gar nicht mehr erkennbar sind, sogenanntes Mikroplastik, finden sich dort. Das Fatale: Biologisch nicht abbaubare Kunststoffe haben nicht nur einen verhängnisvollen Einfluss auf die Tierwelt. Auch die Folgen für den Menschen sind nicht abzusehen. Wir zeigen dir, welche Lösungsansätze es für dieses Problem gibt und was du selbst gegen den Plastikmüll in den Weltmeeren tun kannst – zum Beispiel mit neuen Apps.

Faktenlage immer alarmierender.

Im Mai 2019 ging ein Rekord um die Welt: Mit einem Spezialtauchboot setzte Victor Vescovo auf dem tiefsten jemals erreichten Punkt auf dem Meeresboden auf – 10.928 Meter unter dem Meeresspiegel. Nach der Freude kam der Schock. Im Licht seiner Scheinwerfer sah der abenteuerlustige Amerikaner als allererstes: ein Stück Plastikmüll.

Tatsächlich findet sich inzwischen Plastikmüll in allen Winkeln der Weltmeere. Größere Teile treiben in riesigen Ansammlungen als „Great Plastic Garbage Patches“ in Atlantik und Pazifik. Eine der Müllansammlungen im Pazifik hat eine größere Fläche als Indien. Auf der unbewohnten Henderson-Insel in der Gegend wurden etwa 38 Millionen Teile Plastikmüll gefunden. Kleinere Teile und Partikel lassen sich in den Tiefenschichten sämtlicher Meere nachweisen und sind oft schon mit dem bloßen Auge erkennbar.

Laut dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) gelangen jährlich rund 10 Millionen Tonnen Müll ins Meer – der Kunststoffanteil daran beträgt etwa 75 Prozent (Stand: November 2019). Eine Studie des Wissenschaftsmagazins „Science“ kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastik landen demnach Jahr für Jahr in den Ozeanen. Insgesamt sollen sich zwischen 86 und 150 Millionen Tonnen Kunststoff im Meer befinden. Davon schwimmt jedoch nur ein kleiner Teil (0,5 Prozent) auf der Oberfläche. Der Großteil schwimmt in den Tiefen der Ozeane oder befindet sich auf dem Meeresboden. Werden keine drastischen Maßnahmen ergriffen, könnte bis 2050 der Plastikmüll in den Gewässern der Erde mehr wiegen als alle Fischschwärme zusammengenommen

Wie gelangt Plastik ins Meer?

Fest steht: Plastik umgibt uns im Alltag. Es steckt in Verpackungen, Kosmetikartikeln, Gebrauchsgegenständen, Kleidung und vielem mehr. Kaum ein Artikel, der nicht in Plastik gehüllt in den Handel kommt, um ihn zu schützen oder frischzuhalten. Auch Deutschland ist ein großer Produzent von Plastikmüll. Immerhin wird hierzulande Plastik getrennt gesammelt und teils recycelt, und Unternehmen zahlen eine Lizenzabgabe auf Verpackungen.

Trotzdem werden jährlich Millionen Tonnen fleißig gesammelter Plastikmüll nach Südostasien exportiert; allein aus Deutschland gehen laut „Die Zeit“ jährlich 850.000 Tonnen nach China und zehntausende Tonnen in weitere Länder. Dort gibt es aber keine umfassenden Recyclingsysteme, und so gelangt viel Plastik aus Europa dort durch illegale Entsorgung ins Meer. Zusätzlich nutzt die Schifffahrt gern den einfachen Entsorgungsweg übers Wasser.

Hinzu kommen weitere, lange unbeachtete Verschmutzungswege: Wind und Flüsse tragen ebenfalls Plastik in die Ozeane. So wird beispielsweise der Abrieb von Autoreifen in Form von Mikroplastik mit dem Regen in Flüsse geschwemmt und findet so seinen Weg ins Meer. Mikroplastik ist in manchen Kosmetika mit Peelingwirkung enthalten und gelangt – nur schwer filterbar für konventionelle Kläranlagen – über das Abwasser in die See. Auch beim Waschen von Kleidung lösen sich unzählige winzige Kunststofffasern, gelangen ungehindert durch die Filter und landen im Meer.

Plastik im Meer - Kunstoffschrott
Überall Müll: Sind Abfallsysteme schuld am Plastik-Problem?

Tod durch Plastikmüll: Die Tierwelt leidet.

Die Folgen sind gravierend: Immer wieder lesen wir Schlagzeilen vom Fund toter Wale mit großen Mengen Plastik im Magen. Plastikmüll im Meer kostet jährlich zehntausende Meerestiere und rund eine Million Seevögel das Leben. Eine Untersuchung der australischen Forschungsbehörde CSIRO hat ergeben, dass 90 Prozent aller toten Seevögel Plastik im Bauch haben. Da es nicht verdaut werden kann und keinerlei Nährstoffe enthält, verhungern die Tiere mit vollem Magen. Oder sie sterben an einem Darmverschluss.

Neben Seevögeln sind viele weitere Tiere betroffen, darunter

  • Wale
  • Delfine
  • Schildkröten
  • Seehunde
  • Fische
  • Muscheln

Gerade Muscheln, die sich von Plankton ernähren, nehmen viel Mikroplastik aus dem Wasser auf. Dieses globale Problem ist auch uns ganz nah: Bei Untersuchungen auf den ostfriesischen Inseln fanden die Wissenschaftler kein einziges Exemplar mehr, das kein Mikroplastik in sich trug.

Der Verzehr von Plastik ist aber nicht die einzige Gefahrenquelle für Meerestiere und Seevögel: Sie verheddern sich im Verpackungsmüll und sterben oder ziehen sich gravierende Wunden zu. Ein großes Risiko stellen außerdem sogenannte „Geisternetze“ dar – Fischernetze aus sehr langlebigem Kunststoff, die als unbrauchbar entsorgt wurden oder verloren gegangen sind. Insgesamt mehrere zehntausend Kilometer lang sind diese „Mauern des Todes“, die in den Meeren treiben und in denen sich noch viele Jahre lang Tiere verfangen und dann verenden.

Plastik im Meer - ein toter Fisch wurde mit Plastikmüll an den Strand gespuelt
Todesurteil für viele Meeresbewohner: Plastikmüll im Wasser.

Plastik im Meer: Folgen für Menschen unabsehbar.

Die Meereswelt und ihre Bewohner leiden also ganz unmittelbar an den Folgen der Müllschwemme. Doch wie sieht es bei uns Menschen aus? Abgesehen davon, dass sowohl die Fischerei- als auch die Tourismusindustrie bereits beträchtliche finanzielle Einbußen durch Plastikmüll im Meer hinnehmen mussten, sind viele der Folgen für den Menschen noch nicht absehbar.

Fakt ist, dass wir mit dem Genuss von Fischen und Meeresfrüchten Mikroplastik aufnehmen. Die langfristigen Auswirkungen auf unsere Gesundheit sind bislang nicht geklärt. Weiterhin werden beim Zerfall großer Plastikgegenstände zu Mikroplastik Giftstoffe wie Flammschutzmittel, Bisphenol A und Phthalate freigesetzt, die die Tiere unfreiwillig aufnehmen. Die chemischen Stoffe können den Hormonhaushalt und das Erbgut der Meeresbewohner nachhaltig schädigen.

Alarmierend ist auch eine weitere Tatsache: Forscher haben festgestellt, dass Plastikmüll im Meer gelöste Gifte anzieht. Stoffe wie das Insektizid DDT (verboten in Deutschland seit 1971) und die Krebs auslösenden Chlorverbindungen PCB (weltweit verboten seit 2001) reichern sich im Plastik an. Der Grund dafür ist unbekannt. Allerdings bedeutet das, dass Meerestiere diese Gifte aufnehmen und an uns weitergeben können. Kurz gesagt: Was im Meer landet, landet über kurz oder lang auch auf unseren Tellern.

Plastik im Meer - Muell treibt im Wasser
Die unsichtbaren Folgen von vermüllten Meeren sind schwerwiegend.

Lösungsansätze aus Wissenschaft und Technik.

Es gibt inzwischen mehrere Ansätze, wie dem Plastik im Meer Einhalt geboten werden soll. Darunter

  • das Projekt Plastikfreie Ozeane von Climate Partner. Der Ansatz hinter diesem Projekt lautet „Geld gegen Plastik“. In Haiti, Indonesien und auf den Philippinen kann Plastikmüll bei lokalen Sammelstellen der Plastic Bank in Geld, Lebensmittel, Trinkwasser, Handy-Guthaben, Speiseöl oder sogar Schulgebühren eingetauscht werden. Laut Climate Partner sollen die einheimischen Müllsammler von dieser Arbeit leben können, da der eingetauschte Gegenwert über dem tatsächlichen Marktwert des Plastiks liegt.
  • das Projekt Maritime Müllabfuhr des Vereins One Earth One Ocean. Dazu gehört die Seekuhein extra entwickelter Katamaran, der Plastikmüll aus dem Meer fischt, um ihn auf Spezialschiffen zu recyceln.
  • das Projekt Ocean Cleanup des jungen Niederländers Boyat Slat, bei dem treibende Barrieren den von der Strömung vorangetrieben Müll sammeln sollen. Allerdings gab es bei ersten Offshore-Tests grundlegende Probleme, die Veränderungen in der Konstruktion nötig machen.
  • ein Forschungsschiff, das bis zu fünf Tonnen Müll pro Tag vom Meeresboden aufsaugen und direkt schadstofffrei verbrennen kann. Ein solches lässt der norwegische Milliardär Kjell Inge Røkke derzeit in Zusammenarbeit mit dem WWF entwickeln. Es soll Sommer 2020 in Betrieb gehen.
  • die künstliche Schwimm-Drohne Waste Shark, die einer GPS-Route folgt, bis zu 160 Liter Plastikmüll in ihrem künstlichen Magen sammeln und zum Recycling an Land bringen kann. Sie ist bereits vor den Küsten von sechs Ländern unterwegs.
  • ein Bakterium, das 2016 im Meer entdeckt wurde, ist in der Lage, Polyethylenterephthalat (PET) zu zersetzen – das ist der Kunststoff, aus dem die meisten Plastikflaschen bestehen. Der Vorgang verläuft jedoch langsam und Ideonella sakaisensis 201-F6 (so der Name des Bakteriums) kann im Ozean nicht gut überleben. Ein möglicher Lösungsansatz: Forscher haben eine marine Kieselalge mit dem plastikzersetzenden Enzym ausgestattet.
Plastik im Meer - an den Barrieren von Ocean Cleanup sammelt sich der Muell
Problemlösung? An diesen Barrieren sammelt sich der Müll an und kann entfernt werden.
© 2017 Ocean Cleanup

Plastikmüll in den Weltmeeren – was können wir tun?

Trotz engagierten Erfindergeistes und vielfältiger Anstrengungen: Der einfachste Schritt besteht darin, den Plastikkonsum herunterzuschrauben und Plastikmüll zu vermeiden. Inzwischen beginnt auch die Politik, auf dieses globale Problem zu reagieren. So hat die EU-Kommission Anfang 2019 den Verkauf von Einweggeschirr, Strohhalmen und Ohrstäbchen aus Plastik ab 2021 verboten. Angesichts von Hunderten Millionen Tonnen Plastik im Meer ist das jedoch nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Große Supermarktketten bieten keine Plastiktragetaschen mehr an oder verlangen dafür Geld, und erste Geschäfte legen Obst und Gemüse in Bio-Qualität möglichst unverpackt in die Auslage.

Tatsächlich sind wir alle gefragt, etwas gegen Plastik im Meer zu tun. Auf Verpackungen verzichten, Pfandflaschen nutzen, keine To-go-Wegwerfbecher für den Kaffee nehmen – diese Regeln sind bekannt und wirklich einfach zu beherzigen. Außerdem kannst du

  • Stofftaschen statt Plastiktüten benutzen.
  • lose Lebensmittel auf Märkten statt abgepackte im Supermarkt kaufen.
  • auf Kosmetika mit synthetischen Kunststoffen verzichten.
  • Angebote von Bio-Lieferdiensten nutzen.
  • Bio-Kaugummi kaufen: Herkömmliches braucht fünf Jahre, um zu verrotten.

Diese Apps können helfen, Plastikmüll zu vermeiden.

Wenn du das Problem weitergehender anpacken willst, gibt es hilfreiche Tools, mit deren Hilfe du verstecktes Plastik in vielen Produkten aufspüren und daran deine Kaufentscheidung ausrichten kannst.

Umfassende Informationen liefert dir die App Codecheck Sie scannt Strichcodes und gibt gezielte Informationen zu Nährstoffgehalten, Recyclingfähigkeit und eben Plastikanteil am oder im Produkt – etwa in Kosmetika. Die App „Beat the Microbead“ funktioniert ähnlich, ist aber nur auf Englisch erhältlich.

Mit der App Replace Plastic des norddeutschen Vereins Küste gegen Plastik kannst du deine Macht als Konsument nutzen und unnötige Plastikverpackung melden, indem du einfach den Barcode scannst. Laufen mehr als 20 Meldungen beim Verein auf, übermittelt er dem Hersteller diese Beschwerden und dokumentiert, dass wir Konsumenten den Verpackungswahn nicht länger akzeptieren wollen. Bereits 52.000 Meldungen sind schon eingegangen, erste Firmen haben reagiert und ihren Plastikeinsatz reduziert.

Übrigens: Willst du mithilfe von Apps nachhaltiger Leben, findest du in einem anderen Artikel spannende Nachhaltigkeits-Apps.

Plastik im Meer: Forschung steckt noch in den Kinderschuhen

Die Kunststoffindustrie hat sich erst in den 1950er Jahren entwickelt. Entsprechend liegen bisher kaum verwertbare Studien über die Langzeitwirkungen vor, die Plastik auf den Menschen haben kann. Ebenso sind die Lebensdauer von Plastik sowie die Weltmeere an sich noch relativ wenig erforscht.

Doch gerade in den Meeren verhält sich Plastik oft anders, als Forscher vermuten. Zum Beispiel gibt es etwa 200 Seemeilen von der dänischen Küste entfernt ein Areal am Meeresboden, an dem sich viel Müll ablagert. Warum das so ist, wissen Wissenschaftler bislang nicht. Es wird also noch eine ganze Menge Forschung nötig sein, um dem Müllproblem Herr zu werden und die Ozeane auf Dauer sauber zu halten.

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